9-Euro-Ticket: Streit um Anschluss­finanzierung geht weiter


BERLIN | Die Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket bleibt groß – Vorschläge für eine Anschluss­finanzierung reißen nicht ab. Dabei zeigen erste Studien-Auswertungen, dass die Sonderfahrkarte im ÖPNV wohl kein Allheilmittel für die feststeckende Verkehrswende ist.

Die Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket bleibt hoch: Nach aktuellen Zahlen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) wurden seit dem Verkaufsstart Ende Mai bislang 38 Millionen 9-Euro-Tickets verkauft. „Hinzu kommen die jeweils etwa zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, die monatlich das vergünstigte Ticket automatisch erhalten“, hieß es vom Verband zu Wochenbeginn. Ferienbedingt habe der VDV lediglich einen leichten Rückgang bei den Verkäufen festgestellt.

Die Debatte rund um eine Anschluss­lösung ging derweil am Montag weiter. SPD-Chef Lars Klingbeil sprach sich im Radiosender NDR Info dafür aus, einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket mit einer Sondersteuer auf hohe Zusatz­gewinne von Energie­unternehmen zu finanzieren. Es gebe Unternehmen, die durch den russischen Krieg in der Ukraine „massive Gewinne machen, ohne dass sie auch nur einen Handschlag mehr tun“, sagte Klingbeil. „Deswegen fordere ich, dass wir eine Übergewinn­steuer auch in Deutschland einführen.“ So würden diejenigen stärker belastet, die ohne eigenes Zutun mehr verdienten. Mit dem Geld könne die „dringend notwendige“ Nachfolge für das 9-Euro-Ticket bezahlt werden. „Dass wir dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger weiter kostengünstig den öffentlichen Nahverkehr nutzen können, das sollten wir hinkriegen“, sagte Klingbeil. „Das Geld ist da, wir müssen es nur haben wollen.“

Am Wochenende hatte sich Finanz­minister Christian Lindner (FDP) gegen eine Finanzierung aus dem Bundes­haushalt für eine Nachfolgelösung des 9-Euro-Tickets ausgesprochen. Dafür stünden in der Finanz­planung keinerlei Mittel zur Verfügung. Der Minister sagte, er sei von einer „Gratis­mentalität à la bedingungsloses Grund­einkommen“ auch im Öffentlichen Nahverkehr nicht überzeugt. „Jeder Steuerzuschuss für ein nicht die Kosten deckendes Ticket bedeutet Umverteilung.“ Er halte es nicht für fair, wenn die Menschen auf dem Land, die keinen Bahnhof in der Nähe haben und auf das Auto angewiesen seien, den günstigen Nahverkehr subventionierten.

Die Aussagen des Politikers stießen auf Kritik. „Menschen wissen nicht, wie sie über den Monat kommen sollen, Menschen sind verzweifelt, und dann von ‚Gratismentalität‘ zu sprechen, ist eine Frechheit“, sagte Ulrich Schneider, Haupt­geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrts­verbands, am Montag in der Sendung Frühstart von RTL/ntv. „Es wäre Aufgabe der Politik, jetzt den Personen­nahverkehr im ländlichen Raum auszubauen und nicht davon zu erzählen, dass es unfair wäre, wenn der eine einen Bus hat und der andere nicht.“

Derweil haben die ersten Auswertungen mehrerer Studien rund um das 9-Euro-Ticket ergeben, dass die Sonder­fahrkarte zwar durchaus Wirkung zeige, aber kaum alle Hoffnungen und Ziele erfüllen könne. „Aus den bisherigen Untersuchungen lässt sich nur ein leichter Verlagerungs­effekt von der Straße auf den Öffentlichen Verkehr von bestenfalls zwei bis drei Prozent erkennen“, sagt etwa Christian Böttger, Bahn-Experte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW).

Das deckt sich mit ersten Ergebnissen einer Studie aus dem Großraum München, die unter anderem die Bewegungs­daten Hunderter Teilnehmer auswertet. Sie kam zum Schluss, dass 35 Prozent der Probanden häufiger mit Bus und Bahn fuhren – aber nur 3 Prozent ihr eigenes Fahrzeug seltener nutzten. Fachleute warnten allerdings, dass die Datenlage nach wie vor sehr dünn sei. Für endgültige Schlüsse sei es noch zu früh.


dpa | Foto: DB AG / Max Lautenschläger
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