Zugunglück in Spanien: Die Rolle des Zugsicherungssystems LZB

Nach dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Spanien ist die Ursache weiter offen. Im Mittelpunkt der Debatte steht ein Sicherungssystem, das auch auf deutschen Strecken eingesetzt wird.

Wie konnte es zu dem schweren Zugunglück in Spanien mit Dutzenden Toten kommen? Eine abschließende Antwort auf diese Frage steht noch aus. Erste Erkenntnisse deuten auf eine Störung des Zugsicherungssystems und auf Entscheidungen bei der anschließenden Wiederaufnahme des Zugverkehrs hin. Welche Umstände letztlich zu dem Zusammenstoß führten und welchen Anteil technische und betriebliche Faktoren daran hatten, müssen die Ermittlungen klären.

Im Mittelpunkt der Debatte steht die Linienzugbeeinflussung (LZB). Das System wird nach Angaben der spanischen Behörden auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Sevilla eingesetzt. Am Unglückstag soll es nach einem Computerausfall auf einem längeren Streckenabschnitt ausgefallen sein. Anschließend wurde der Zugverkehr unter veränderten betrieblichen Bedingungen wieder aufgenommen. Ob und in welchem Umfang der Ausfall und der Umgang damit zum Unfall beitrugen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Funktionsweise der Linienzugbeeinflussung

Die Linienzugbeeinflussung ist ein technisches Zugbeeinflussungssystem, das Zugfahrten überwacht und steuert. Es überträgt Informationen zwischen der Streckenausrüstung und dem Zug und überwacht kontinuierlich die zulässige Geschwindigkeit. Der Triebfahrzeugführer erhält im Führerraum Informationen über die weitere Fahrt, etwa über die zulässige Geschwindigkeit und erforderliche Bremsungen. Wird eine zulässige Geschwindigkeit überschritten, kann das System automatisch eine Bremsung auslösen.

Die LZB wird insbesondere auf Strecken eingesetzt, auf denen Züge mit mehr als 160 Kilometern pro Stunde fahren. Bei solchen Geschwindigkeiten reichen herkömmliche Abstände zwischen Vor- und Hauptsignalen nicht aus, um einen Zug allein durch die optische Signalbeobachtung rechtzeitig zum Stehen zu bringen.

Anders als die punktförmige Zugbeeinflussung (PZB) überwacht die LZB die Fahrt kontinuierlich und nicht nur an einzelnen Stellen der Strecke. Sie ermöglicht damit eine laufende Geschwindigkeitsüberwachung und eine frühzeitige Information des Triebfahrzeugführers über erforderliche Bremsungen. Die LZB ersetzt jedoch nicht sämtliche übrigen betrieblichen und signaltechnischen Sicherungsmaßnahmen.

Ausfall und offene Fragen zum Unfallhergang

Die Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid–Sevilla wurde 1992 eröffnet. Nach Angaben des spanischen Verkehrsministers Óscar Puente fiel die LZB am Unglückstag gegen 8.30 Uhr auf einem rund 63 Kilometer langen Streckenabschnitt aus. Mehrere Züge mussten daraufhin anhalten oder ihre Fahrt unterbrechen.

Nach bisherigen Berichten wurde der Zugverkehr anschließend unter veränderten betrieblichen Bedingungen wieder aufgenommen. Dabei steht insbesondere die Frage im Raum, weshalb ein Zug seine Fahrt fortsetzen durfte, obwohl sich ein anderer Zug noch auf demselben Gleis befand. Der spanische Verkehrsminister hat eine mögliche Fehlentscheidung bei der Betriebsführung als einen Schwerpunkt der Aufarbeitung bezeichnet.

Fachleute und Beschäftigte des spanischen Infrastrukturbetreibers Adif haben Medienberichten zufolge auch den Zustand der technischen Anlagen und die Investitionen in die Strecke kritisiert. Solche Einschätzungen sind Teil der öffentlichen Debatte. Ob Mängel an der Infrastruktur, die Störung der LZB oder Entscheidungen im Betriebsablauf für das Unglück maßgeblich waren, lässt sich daraus allein nicht ableiten.

Entscheidend ist auch, welche Sicherungsmaßnahmen nach dem Ausfall galten, welche Informationen der Leitstelle und den Triebfahrzeugführern vorlagen und ob die vorgeschriebenen Verfahren eingehalten wurden. Erst die Auswertung der technischen Daten, der Kommunikation und der betrieblichen Abläufe kann Aufschluss über die Unfallursache geben.

LZB und ETCS im spanischen Hochgeschwindigkeitsnetz

Die Strecke Madrid–Sevilla gehört zu den spanischen Hochgeschwindigkeitsstrecken, auf denen die LZB als zentrales Zugbeeinflussungssystem eingesetzt wird. Spanien baut das europäische Zugsicherungssystem ERTMS aus. Dazu gehört das European Train Control System (ETCS), das die Zugüberwachung über standardisierte technische Schnittstellen ermöglicht.

ETCS soll dazu beitragen, unterschiedliche nationale Zugsicherungssysteme zu ersetzen und den grenzüberschreitenden Bahnverkehr zu vereinfachen. Die Umstellung erfolgt schrittweise. Während des Übergangs müssen die jeweils vorhandenen technischen Einrichtungen und die geltenden betrieblichen Verfahren berücksichtigt werden.

Die Systeme unterscheiden sich in ihrer technischen Ausgestaltung und in der Art der Informationsübertragung. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass ein älteres System grundsätzlich unsicherer ist als ein neueres. Für die Sicherheit sind auch die konkrete Ausrüstung, der Zustand der Anlagen, die Überwachung und die betrieblichen Abläufe entscheidend.

Einsatz der LZB in Deutschland

Die Deutsche Bahn setzt die LZB unter anderem auf ausgewählten Strecken des Fernverkehrs ein. Daneben ist die Punktförmige Zugbeeinflussung (PZB) ein wesentliches Sicherungssystem im deutschen Netz. Die beiden Systeme ergänzen sich in ihrer Funktionsweise und können auf entsprechend ausgerüsteten Strecken und Fahrzeugen zusammenwirken.

Die LZB überwacht die Geschwindigkeit kontinuierlich und führt den Zug anhand der übertragenen Informationen. Bei einer Störung muss nach den dafür geltenden betrieblichen und technischen Vorgaben verfahren werden. Je nach Ausrüstung und Betriebssituation kann die Fahrt unter der Überwachung eines anderen Zugbeeinflussungssystems fortgesetzt werden. Ein Ausfall bedeutet daher nicht, dass ein Zug unter allen Umständen automatisch und ohne weitere Sicherungsmaßnahmen weiterfährt.

Die Deutsche Bahn betont, dass der Betrieb bei nicht gewährleisteter Sicherheit eingeschränkt oder eingestellt werden muss. Das zeigte sich auch bei der bundesweiten Störung des digitalen Zugfunks GSM-R im Juni 2026: Der Zugverkehr wurde aus Sicherheitsgründen zeitweise zurückgehalten. GSM-R ist allerdings ein Kommunikationssystem und nicht mit der LZB oder der PZB gleichzusetzen.

Funktionsweise der Punktförmigen Zugbeeinflussung

Die Punktförmige Zugbeeinflussung arbeitet mit Einrichtungen an der Strecke und im Fahrzeug. Gleismagnete übertragen an bestimmten Punkten Informationen an den Zug. Die Fahrzeugeinrichtung überwacht daraufhin, ob der Triebfahrzeugführer die daraus folgenden Anforderungen an das Fahrverhalten einhält.

Die PZB reagiert unter anderem auf bestimmte Signalstellungen, beispielsweise wenn ein Vorsignal eine bevorstehende Einschränkung ankündigt. Sie überwacht dann, ob der Zug rechtzeitig bremst und die vorgegebenen Geschwindigkeiten einhält. Auch bestimmte Geschwindigkeitsbeschränkungen und die zulässige Höchstgeschwindigkeit werden stellenweise überwacht.

Wird eine maßgebliche Vorgabe nicht eingehalten, kann die PZB eine Zwangsbremsung auslösen. An einem Halt zeigenden Hauptsignal kann ein wirksamer Gleismagnet eine solche Bremsung auslösen, wenn der Zug das Signal unzulässig passiert. Die Wirkung hängt dabei unter anderem von der jeweiligen Signalanlage und deren Schaltung ab.

Im Unterschied zur LZB bietet die PZB keine lückenlose Geschwindigkeitsüberwachung über den gesamten Fahrweg. Sie kontrolliert das Fahrverhalten anhand punktförmiger Beeinflussungen und weiterer fahrzeugseitiger Überwachungsfunktionen. Gerade deshalb ist es wichtig, die Signale zu beachten und die betrieblichen Vorschriften einzuhalten.

Europäische Vereinheitlichung der Zugsicherung

Neben nationalen Zugbeeinflussungssystemen wie PZB und LZB kommt in Europa zunehmend ETCS zum Einsatz. Das System übermittelt Informationen zur sicheren Zugfahrt und überwacht die Einhaltung der zulässigen Geschwindigkeit. Je nach Ausbaustufe erfolgt die Kommunikation beispielsweise über Eurobalisen und weitere technische Übertragungseinrichtungen.

Ziel von ERTMS ist es, die europäischen Eisenbahnsysteme stärker zu vereinheitlichen. Damit sollen grenzüberschreitende Fahrten erleichtert und die Abhängigkeit von unterschiedlichen nationalen Systemen verringert werden. Die Einführung erfolgt jedoch nicht überall gleichzeitig. Auf Strecken mit unterschiedlichen Ausrüstungsständen müssen deshalb die jeweils geltenden Betriebsverfahren und technischen Rückfallebenen berücksichtigt werden.

Sicherheitsbilanz des Bahnverkehrs

Trotz schwerer Einzelereignisse zählt die Eisenbahn im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln zu den sicheren Formen des Personenverkehrs. Die Risiken unterscheiden sich allerdings je nach Verkehrsmittel, betrachteter Kennzahl und Bezugszeitraum. Statistische Vergleiche müssen deshalb auf vergleichbaren Daten beruhen.

Schwere Zugunglücke sind in Deutschland selten, können aber zahlreiche Menschen betreffen. Im Juli 2025 entgleiste bei Riedlingen in Baden-Württemberg ein Regionalzug nach einem Hangrutsch; drei Menschen kamen ums Leben. Beim Zugunglück von Garmisch-Partenkirchen im Juni 2022 starben fünf Menschen. Beim ICE-Unglück von Eschede im Juni 1998 kamen 101 Menschen ums Leben.

Derartige Unfälle werden untersucht, um die Ursachen festzustellen und Schlussfolgerungen für die Sicherheit des Eisenbahnbetriebs zu ziehen. Auch im Fall des Unglücks in Spanien wird entscheidend sein, welche technischen Störungen auftraten, wie darauf reagiert wurde und ob die vorhandenen Sicherungsmaßnahmen wirksam waren.

EVN / dpa