Im August 2025 kommt eine 16-Jährige am Bahnhof im südniedersächsischen Friedland ums Leben. Sie soll von einem 31-Jährigen gegen einen fahrenden Güterzug gestoßen worden sein. Jetzt steht der Beschuldigte vor Gericht.
Im Fall der mutmaßlich getöteten 16-jährigen Liana hat der Beschuldigte sich zunächst nicht zur Tat geäußert. Vor dem Landgericht Göttingen muss sich der 31-Jährige wegen Totschlags verantworten. Weil die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass der Verdächtige zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig war, handelt es sich um ein sogenanntes Sicherungsverfahren. Dabei wird nicht nur geklärt, ob er der Täter ist, sondern auch, ob er in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird.
Dem Iraker wird vorgeworfen, im vergangenen Jahr am Bahnhof im südniedersächsischen Friedland das Mädchen gegen einen durchfahrenden Güterzug gestoßen zu haben. Der Fall um die Auszubildende aus Geisleden in Thüringen, die 2022 mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet war, sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Er beschäftigt auch die Politik, weil der ausreisepflichtige Iraker nach den europäischen Asylregeln schon Monate vor der Tat von Deutschland nach Litauen hätte gebracht werden sollen.
Mutter bringt Bild ihrer Tochter ins Gericht
Zu Beginn der Verhandlung betrat der Verdächtige den Gerichtssaal leicht gebückt. Während einer Zeugenbefragung beklagte er eine rassistische Behandlung durch eine Polizistin am Tatort. Die Mutter des Opfers wirkte zunächst gefasst. Vor ihr auf dem Tisch platzierte sie weiße Rosen und ein Bild ihrer toten Tochter. Als später Leichenfotos vom Bahnhof in Friedland gezeigt wurden, brach sie in Tränen aus.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass von dem Beschuldigten eine Gefährdung für die Allgemeinheit ausgeht, und strebt eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung an. Auf Empfehlung seiner Betreuer verfolgte der Verdächtige die Verhandlung durchgehend mit angelegten Handschellen. Er sitzt derzeit im Maßregelvollzug ein.
Polizei und Staatsanwaltschaft: Opfer war sofort tot
Am ersten Verhandlungstag äußerte sich die Staatsanwaltschaft zu den Vorwürfen und es wurden Polizisten und Polizistinnen als Zeugen vernommen. Demnach litt der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt unter einer paranoiden Schizophrenie und war alkoholisiert. Er habe das Opfer plötzlich geschubst, als ein Güterzug mit 100 Kilometern pro Stunde den Bahnhof passiert habe. Sie habe durch den Zusammenprall mit dem Zug Verletzungen am Kopf erlitten, die sie sofort getötet hätten. Polizisten gaben an, zunächst einen Unfall vermutet zu haben.
Die Verletzungsmerkmale hätten nicht für einen Suizid gesprochen. Hinweise auf eine Fremdeinwirkung habe es zunächst nicht gegeben. Allerdings sprachen Polizisten unter anderem von einem “merkwürdigen Bauchgefühl”, weshalb sie mehr Beweismittel sammelten als bei einem Unfall üblich, etwa die Kleidung des Opfers, und einen Alkoholtest beim Beschuldigten durchführten.
Beschuldigter war aggressiv
Der Beschuldigte habe sich aggressiv verhalten und zwischenzeitlich Handschellen angelegt bekommen, sagten Polizisten. Generell sei sein Verhalten sehr sprunghaft gewesen. Als Verdächtiger wurde er zunächst aber nicht eingestuft.
Gegenüber Polizisten habe der Verdächtige gesagt, er habe mit dem Tod von Liana nichts zu tun. Er habe am Gleis 1 Alkohol getrunken und nach der Durchfahrt eines Güterzuges das tote Mädchen gesehen. Weiter berichtete er von einem Mann in einem weißen T-Shirt, der den Tatort zügig verlassen habe. Ob es diesen Mann überhaupt gab, ist unklar, weil es keine Videoaufnahmen an dem Bahnhof gibt. Weiter berichteten Polizisten von einem Telefonat des Opfers, das mit einem lauten Schrei Lianas abrupt abgebrochen sei.
dpa / EVN
