Bahn sucht Lokführer – Immer eine Handbreit Eisen unter den Rädern


DRESDEN | Der Traumberuf aus Kindertagen soll nicht aufs Abstellgleis. Die Deutsche Bahn sucht händeringend nach Lokführern. Vieles hat sich an dem Beruf geändert, nur die alte Leidenschaft ist geblieben.

Zeitdruck verspürt Philipp Schulz jeden Tag. Was andere als unangenehm empfinden mögen, gehört für den 29-Jährigen zum täglichen Brot. Denn Schulz fährt für die Deutsche Bahn Züge durchs Land, derzeit vor allem in Sachsen. Wer die erforderliche Streckenkunde besitzt, kann als Triebfahrzeugführer viele Routen bedienen. Heute ist Schulz erst einmal als S-Bahn-Lokführer in Richtung Sächsische Schweiz unterwegs. Am Nachmittag geht es von Dresden nach Leipzig und wieder zurück.

Der gebürtige Görlitzer hat sich einen Kindheitstraum erfüllt. „Opa war Lokführer, mein Onkel ist es immer noch. Der Beruf war immer präsent“. Über ein paar Umwege kam er als Quereinsteiger zur Bahn. „Das Faszinierende ist die Abwechslung. Man ist zwar stets am selben Arbeitsplatz, sieht aber jeden Tag etwas anderes, bei Tag und Nacht, bei allen Jahreszeiten.“

Schulz weiß, dass sich seine Zunft den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Das betrifft nicht nur offizielle Berufsbezeichnungen. Der Mann im Stellwerk hieß später Fahrdienstleiter, jetzt Zugverkehrssteuerer. Der Lokführer avancierte zum Triebfahrzeugführer und wird branchenintern mit TF abgekürzt. Auch ein Führerstand sieht heute anders aus. „Die Loks sind immer moderner geworden. Wo man früher noch Hebel umlegen konnte, ist alles in Computer und Schränken verbaut. Da hat man gar keinen Zugriff mehr“, sagt Schulz. Ohne eine Affinität zum Computer könne heute keiner mehr Lokführer sein.

Dennoch blieb manches beim Alten. Die Gewerkschaft nennt sich immer noch Lokführergewerkschaft. Auch Schichtdienst ist Usus – gerade für junge Menschen oft ein Hinderungsgrund, den Beruf zu ergreifen. Anne-Katrin Hackbeil – bei der Bahn Leiterin des Bereiches Recruiting und Fachkräfte Region Südost (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) – verweist auf die Work-Life-Balance, die für junge Menschen bei der Wahl ihres Berufes heute eine viel größere Rolle spiele als früher. Auch das müsse die Bahn bei ihren Aktivitäten zur Nachwuchsgewinnung beachten.

Dennoch versucht die Bahn, Leuten einen Job als Lokführer, in der Kundenbetreuung oder Instandhaltung schmackhaft zu machen. Hin und wieder wird dafür ein „Bewerbungszug“ aufs Gleis geschoben. Im vergangenen Jahr hat er in Magdeburg und Erfurt Station gemacht, in den vergangenen Wochen in Leipzig und Dresden. Dort können Interessenten einen Einblick in Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten erhalten, bekommen Informationen aus erster Hand. Aus Dresden fuhr der Bewerbungszug am 31. Januar mit 21 Einstellungszusagen wieder ab, zwölf davon betrafen TF-Personal.

Lokführerin oder Lokführer kann man auf zweierlei Wegen werden. Für eine duale Berufsausbildung zum Eisenbahner im Betriebsdienst braucht man mindestens den Hauptschulabschluss, die Lehre dauert drei Jahre. Auch ein Quereinstieg ist möglich – die Funktionsausbildung. Bedingung ist eine abgeschlossene Ausbildung in einem anderen Beruf. In 10 bis 12 Monaten werden Interessenten dann zum Triebfahrzeugführer qualifiziert. Auf mentale Stärke und physische Leistungsfähigkeit legt man besonderen Wert. Schließlich werden dem Lokführer jeden Tag Passagiere und damit Menschenleben anvertraut.

Eine Tauglichkeitsprüfung muss auf alle Fälle bestanden werden, um am Ende im Führerstand zu arbeiten. „Die Prüfung wird alle drei Jahre wiederholt, ab dem 55. Lebensjahr jährlich“, berichtet Susan Constantinescu, Bahnsprecherin für die Region Süd-Ost. Gern würde das Unternehmen mehr Frauen in diesen Beruf haben. Momentan liegt der Anteil bei unter fünf Prozent. Rund um den 8. März, den Internationalen Frauentag, soll deshalb besonders um Lokführerinnen geworben werden.

Die Bahn verweist auf zwei Frauen aus Halle, die früher gemeinsam in einem Friseurladen arbeiteten und nun Züge steuern. Ohnehin haben Lokführer oft einen anderen beruflichen Hintergrund. Selbst eine frühere Augenärztin sei im Südosten unterwegs. Je nach Berufserfahrung und auch Einsätzen im internationalen Verkehr kommen sie inklusive Zulagen auf ein Jahresgehalt von 45.000 bis 56.000 Euro. Bei Azubis sind es je nach Lehrjahr etwa 13.500 bis 17.200 Euro, in der Ausbildung der Quereinsteiger bis zu 36.400 Euro.

Die Bahn macht kein Hehl daraus, dass sie händeringend nach neuem Personal sucht. Der Arbeitsmarkt sei leer gefegt, man stehe in Konkurrenz mit anderen Branchen, sagt Hackbeil und nennt Vorzüge der Bahn. Dazu gehören nicht nur Freifahrten und bis zu 40 Tage Urlaub im Jahr. Auch bei der Beschaffung von Wohnraum helfe das Unternehmen bei Bedarf. „Man muss die Fühler heute weiter ausstrecken als früher“, meint Constantinescu.

Tatsächlich ist der Personalmangel schon heute spürbar – etwa bei der S-Bahn in Dresden. „Um Stabilität in den Fahrplan zu bekommen und kurzfristige Ausfälle zu vermeiden, haben wir das Angebot seit Oktober vergangenen Jahres etwas eingeschränkt“, sagt Constantinescu. Das betreffe die Ausdünnung von Taktzeiten auf einigen Linien; mitunter werde der Bahnverkehr durch Busse ersetzt. Man habe zwar frühzeitig mit einer Einstellungs- und Qualifizierungsoffensive begonnen. Kurzfristige Lösungen gebe es aber nicht. Im Grunde seien alle verfügbaren TF in Lohn und Brot gebunden.

Die Bahnsprecherin führt das auch auf die Zunahme von Fahrgastzahlen zurück. „Das Deutschland-Ticket kam sehr kurzfristig. Das hat den Verkehr enorm beflügelt. Das soll aber keine Ausrede sein.“ Schon lange richte sich der Blick auch auf Fachkräfte aus dem Ausland. Zuletzt habe man Eisenbahner aus der Ukraine gewinnen können.

Philipp Schulz hat seine Bahn-Karriere in Baden-Württemberg begonnen, ist dort schöne Strecken durch den Schwarzwald gefahren, entlang am Bodensee oder über die Schwäbische Alb. „Ein kleiner Traum wäre die Strecke, die ich in Kindertagen oft gefahren bin – von Dresden nach Görlitz oder nach Zittau.“ Aktuell würden diese Strecken aber von einem privaten Unternehmen betrieben. Vielleicht komme in Zukunft dort die Deutsche Bahn zum Zug und er in den Genuss. Schulz verabschiedet sich mit einem Gruß der Eisenbahner: „Immer eine Handbreit Eisen unter den Rädern.“


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dpa / EVN