Faszination Eisenbahn im Land Brandenburg


LETSCHIN | Für Ausflüge in Sachen Bahn bietet Brandenburg eine Vielzahl von Angeboten – in Museen, auf Draisinen, in Erlebniszügen oder beim Übernachten in alten Bahnhöfen und Waggons.

Der Mini-Zug bullert wie ein Traktor und zuckelt mit seinen zwei Wagen im Schritttempo zuverlässig über die 800 Meter lange Gleisstrecke bei Letschin (Märkisch-Oderland). „Das ist eine Feldbahn, die ab 1900 in der Landwirtschaft beispielsweise zum Transport von Zuckerrüben, aber auch im Bergbau, in Sägewerken oder beim Torfabbau eingesetzt wurde“, erklärt Bernd Kutzke, Vorsitzender des Eisenbahnvereins des Ortes. Zunächst sei die Bahn von Pferden gezogen worden. Später wurde sie mit einem Gegenläufer-Motor ausgestattet. „Die Kolben laufen zueinander – wo sie sich treffen, erfolgt die Zündung“, beschreibt er.

Große Sammlung von Eisenbahn-Inventar

Der 68-Jährige kennt sich aus, denn er hat mit seinen Vereinsfreunden die Feldbahn originalgetreu nachgebaut. Bereits seit 25 Jahren tüfteln der ehemalige Angestellte der Deutschen Bahn und zwei Dutzend Gleichgesinnte im Oderbruch an alter Technik. Gemeinsam haben sie auf ihrem Vereinsgelände am Bahnübergang Letschin eine große Sammlung an Signalanlagen, Bahnhofsuhren, Anzeigetafeln, alten Kursbüchern und Fahrkartendruckern sowie Uniformen zusammengetragen – Inventar und Zeitzeugnisse, die ansonsten längst verloren gegangen wären. „Wir saßen damals, als der Rückbau bei der Deutschen Bahn begann, an der Quelle“, sagt Vizevereinschef Manfred Nickel, wie Kutzke ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens.

Modellbahnen ziehen viele Kinder an

Herzstück einer großen Halle auf dem Vereinsgelände, in der einst Gemüse von den umliegenden Feldern geputzt worden war, sind mehrere Modellbahn-Anlagen. Eine davon dürfen Besucher selbst bedienen. „Wenn wir Schulklassen zu Gast haben, sind die Kinder hier gar nicht mehr wegzubekommen“, beschreibt Nickel schmunzelnd. Auf dem Freigelände staunen Besucher über zwei ausrangierte Berliner S-Bahn-Wagen aus den 1930-er Jahren – einer mit bunten Graffiti bemalt, der andere mit den typischen alten Holzbänken ausgestattet. Im bunten Waggon sind zwei Schlafzimmer mit Schrank-Doppelbett, Stock- und Einzelbetten eingerichtet. Der zweite Wagen in Originalfarbe verfügt über eine kleine Küche. Vor allem Kanufahrer, die über den Letschiner Hauptgraben zum Bahnhof gelangten, übernachteten hier gern, erzählt Kutzke.

Lehrlinge restaurieren mit

Sein ganzer Stolz ist ein Preußischer Abteilwagen, Baujahr 1906, der bis Ende der 1920-er Jahre in Berlin unterwegs war. „Der stand im benachbarten Groß Neuendorf, wurde vor der Wende dort als Wohnwagen genutzt. Später sollte er da weg, ein Besitzer war nicht mehr auszumachen und wir übernahmen ihn.“ Gemeinsam mit Lehrlingen eines überbetrieblichen Ausbildungszentrums haben ihn die Letschiner restauriert, sodass er inzwischen für Familien- oder Firmenfeiern genutzt werden kann. Platz in den hölzernen Sitzecken ist für 30 bis 35 Gäste.

Brandenburg ist Mekka für Hobbyeisenbahner

„Das Thema Eisenbahn fasziniert Besucher und Gäste der Region. Das Interesse hat stark zugenommen“, sagt Ellen Russig, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Seenland Oder-Spree ein. Ausflügler vor allem mit technischem Verständnis wollten nicht nur schauen und mitfahren, sondern auch fachsimpeln.

Gerade im Landkreis Märkisch-Oderland haben die Hobbyeisenbahner gleich mehrfach Gelegenheit – als Fahrgäste der Buckower Kleinbahn in der Märkischen Schweiz, als Radfahrer auf der ehemaligen Eisenbahnbrücke über die Oder bei Neurüdnitz, als Übernachtungsgäste in alten Bahnwaggons im Hafen von Groß Neuendorf oder als Besucher beim Eisenbahnverein Letschin.

Nicht nur was für Eisenbahn-Fans

Nicht jeder Besucher sei Eisenbahn-Fan, könne es aber werden, sagt Matthias Schäfer, Mitarbeiter der TMB Tourismusmarketing Brandenburg GmbH. Er hat eine Auswahl touristischer Angebote zum Thema „Eisenbahnromantik“ im Land gesammelt und gerade auf einer neuen Website der TMB veröffentlicht. Museen eröffneten Einblicke in die Geschichte. Aber auch Mitfahrgelegenheiten auf Draisinen sowie in Nostalgiezügen oder das Übernachten im Bahnambiente begeisterten Touristen. Laut Schäfer entsteht dazu in Brandenburg „permanent“ etwas Neues. Als Beispiel nennt er ein im Aufbau befindliches Bahnmuseum in Löwenberg (Oberhavel), das ebenfalls alte S-Bahn-Waggons im Bestand hat.

Noch viele alte Strecken ungenutzt

Russig sieht noch ungenutztes Potenzial beim Thema Eisenbahn. „Es gibt in Brandenburg so viele stillgelegte Bahntrassen, die zu Radwegen ausgebaut werden könnten, etwa die Strecke zwischen Beeskow und Bad Saarow (Oder-Spree).“ Vorbild dafür könnte der 112 Kilometer lange Oderbruchbahnradweg sein, der 29 Gemeinden zwischen Fürstenwalde (Oder-Spree) und Wriezen (Märkisch-Oderland) fernab stark befahrener Straßen verbindet und an den Oder-Neiße-Radweg anschließt. Über die 1912 fertig gebaute und 1972 wieder eingestellte Oderbruchbahn-Trasse wurde Korn und Gemüse nach Berlin geliefert. Daran erinnert in Letschin auch eine Ausstellung auf dem Gelände des Eisenbahnvereins.

Mit der Feldbahn können Besucher ganzjährig samstags von 9.00 bis 11.00 Uhr fahren. „Nach telefonischer Anmeldung sind Besuche bei uns zu anderen Zeiten möglich“, erklärt Kutzke. Das Interesse an dem Letschiner Museum könnte steigen, denn aktuell arbeiten die Vereinsmitglieder an der Ertüchtigung einer Gleisstrecke zwischen dem Letschiner Bahnhof an der Trasse des RB 60 und dem Bahnübergang. Drei vereinseigene, alte Draisinen sollen dort einmal fahren. Ein Güterschuppen bietet dann Sanitäranlagen und Imbiss.


dpa