Grüne fordern mehr Geld von Wissing und Lindner für den Bahnverkehr


BERLIN | Der Grünen-Bahnpolitiker Matthias Gastel befürchtet angesichts steigender Kosten im Öffentlichen Personen­nahverkehr eine Ausdünnung des Angebots.

„Die Energie- und Personalkosten sind derart gestiegen, dass Abbestellungen ganzer Verkehrsleistungen durch die zuständigen Bundesländer drohen“, sagte Gastel der Welt. Er warnte davor, dass Regionalzüge seltener oder gar nicht mehr fahren könnten – „weil die nicht mehr bezahlt werden können“. Um dies abzuwenden, so der bahnpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, „muss der Bund die Regionalisierungs­mittel, mit denen er laut Grundgesetz den Schienenpersonennahverkehr der Länder zu finanzieren hat, deutlich erhöhen“. Auch in vielen anderen Bereichen der Bahn müsse „die Unterfinanzierung der Schiene ein Ende haben, wir brauchen deutlich mehr Geld für Sanierung und Erneuerung, für den Aus- und Neubau, den Lärmschutz und die Digitali­sierung des Betriebs“, sagte Gastel und verband dies mit Forderungen an die FDP in der Bundes­regierung: „Deshalb wünsche ich mir von Bundesverkehrsminister Volker Wissing mehr finanziellen Ehrgeiz und von Finanzminister Christian Lindner die angemessene Bereitschaft zur Bereitstellung größerer Mittel, wie im Koalitionsvertrag vereinbart.“

Mit Blick auf den Nahverkehr sprach sich Gastel für eine baldige Nachfolgeregelung für das Ende August auslaufende 9-Euro-Ticket aus. Unter der Voraussetzung höherer Regionalisierungsmittel sehe er „zwei Möglichkeiten: Entweder ein genauso bundesweit gültiges Ticket mit einem höheren, aber bezahlbaren Preis. Oder die Beibehaltung der bisherigen Verkehrsverbünde-Abos, die man für einen moderaten Aufschlag dann in allen Regionen nutzen könnte“.

Der aktuellen Zuverlässigkeit des DB-Fernverkehrs stellte Gastel, der seit 2013 alle seine Fernverkehrsfahrten in einem Internet-Bahntagebuch protokolliert, ein schlechtes Zeugnis aus: „Ich bin 2022 bisher mit 52 Fern­verkehrs­zügen gefahren und hatte dabei eine Pünktlichkeits­quote von nur 46 Prozent, wobei ich Pünktlichkeit anders als die DB nur bei bis zu fünf Minuten Verspätung sehe. 2021 lag meine Quote noch über 70 Prozent. Zugleich stieg die Durchschnittsdauer meiner Verspätungen von 17 Minuten 2021 auf 29 Minuten in diesem Jahr.“

Gastel, der ab Anfang August dem Aufsichtsrat der DB-Infrastruktursparte DB Netz angehört, kritisierte in dem Interview ein „Ausfransen“ des Konzerns durch zahlreiche Unternehmens­beteiligungen und bezog in die Kritik auch die Logistiktochter DB Schenker ein, die maßgeblich zum Gewinn der DB AG im ersten Halbjahr 2022 beigetragen hat.

„Es ist traurig, dass die DB AG schon 2002 Schenker übernommen, es aber bis heute nicht geschafft hat, damit wesentliche Synergien zwischen Straße und Schiene zu schaffen, indem Schenker die Lkw-Transporte von und zu Güterbahnhöfen übernehmen würde. Schenker operiert fast nur im Straßen- und Luftverkehr und hat an den meisten seiner Logistikstandorte keinen Gleisanschluss“, sagte Gastel. Auf die Frage, ob der Konzern die Logistiktochter Schenker verkaufen solle, fügte er hinzu: „Wir müssen uns auf jeden Fall alle DB-Unternehmens­beteiligungen, die keine Synergien mit der Schiene schaffen, sehr genau ansehen. Das Konzern-Management muss sich wieder auf das Kerngeschäft Eisenbahn konzentrieren.“


EVN / dts Nachrichtenagentur | Foto: Pixabay
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