Brenner-Nordzulauf: Warten auf den Bundestag

Neubau oder Ausbau der Bestandsstrecke? Bürgerinitiativen und Politik streiten um den Brenner-Nordzulauf – und eine Entscheidung im Parlament steht noch aus.

Güter auf die Schiene, weniger Lkw-Verkehr über die Alpen – und im schnellen Fernzug in zweieinhalb Stunden von München nach Verona: Das alles soll der Brenner-Basistunnel bringen, an dem in Österreich und Italien gebaut wird. In fünf Jahren sollen dort Züge rollen.

Für die Zubringerstrecke durchs bayerische Inntal läuft indessen noch immer die Planung. Nach jahrelangen Debatten sollte im vergangenen Jahr der Bundestag über Gleisneubau und Streckenführung entscheiden. Nun heißt es, das Bundesverkehrsministerium wolle noch im Winter die Unterlagen prüfen und an den Bundestag leiten – der dann den weiteren Zeitplan bestimmt.

“Wir rechnen mit einer Entscheidung zum Brenner-Nordzulauf im ersten Halbjahr 2026”, sagt die CSU-Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig, die im betroffenen Landkreis Rosenheim ihren Wahlkreis hat. Die Verzögerung erklärt sie mit der “Vielzahl der zu betrachtenden Schienenprojekte”.

Bedarfsfrage vom Tisch

Bürgerinitiativen unter dem Dach des Vereins Brennerdialog Rosenheimer Land bringen sich vor der erwarteten Entscheidung erneut in Stellung. Güter auf die Schiene sei der richtige Weg, heißt es in einer aktuellen Mitteilung. Die Bürgerinitiativen fordern jedoch weiter einen Ausbau der Bestandsstrecke. Das sei die “schnellere, billigere und nachhaltigere” Alternative zum Gleisneubau, für den es, so der Verein Brennerdialog, keinen Bedarf gebe und der gravierende Auswirkungen auf Menschen und Kommunen in der Region habe.

Zudem würden Milliardensummen verschwendet. Die Schätzung der Neubaukosten liegt derzeit bei neun bis 15 Milliarden Euro. Das sei fast zehnmal so viel wie vor zehn Jahren angenommen, sagt der Vorsitzende Lothar Thaler.

Debatte um zusätzliche Tunnel – “Jahrhundertentscheidung”

Die Deutsche Bahn sah bei ihrer Planung hingegen im Ausbau keine Lösung. Sie hat eine Trassenführung für den Neubau ausgearbeitet und die Unterlagen an das Eisenbahn-Bundesamt übergeben. Die Bundestagsentscheidung sei nun die Voraussetzung für die nächsten Planungsschritte, erläuterte eine Sprecherin.

Vor allem ging es zuletzt um die Frage, wo es zum Schutz der Anwohner zusätzliche Tunnel geben soll – was das Projekt deutlich verteuern und für Verzögerungen sorgen würde. Thema war zum Beispiel eine komplizierte Inn-Untertunnelung. Befürworter betonten, mit mehr Tunneln würden Eingriffe in die Landschaft dadurch verringert und die Akzeptanz bei der Bevölkerung größer.

“Die Trassenführung ist eine Jahrhundert-Entscheidung. Sie muss mit Sorgfalt und Weitblick getroffen werden”, unterstreicht Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU). “Zum Neubau der Trasse gehören eine möglichst weitgehend unterirdische Streckenführung, ein umfassender Lärmschutz und der Schutz unserer Landschaft”, teilte der Minister über einen Sprecher mit. Die Verantwortung für den Ausbau des Brenner-Nordzulaufs samt Zeitplan liege beim Bund. Er sehe aber einen Neubau als unerlässlich für die bayerische Wirtschaft und den grenzüberschreitenden Verkehr.

Gigantisches Projekt

Bisher ist trotz der Verzögerungen die Fertigstellung der Neubaustrecke im Jahr 2040 angepeilt – wenn also längst Züge durch den 55 Kilometer langen Brenner-Basistunnel rollen sollen. Die Gegner des Neubaus haben Klagen angekündigt, wenn die Entscheidung für den Gleisneubau im Inntal fällt. Das könnte einen Baustart weiter verzögern.

Auch in Österreich und Italien sind Zubringerstrecken nötig. Dort gibt es ebenfalls Verzögerungen, doch die Planungen sind weiter fortgeschritten als in Deutschland, einzelne Abschnitte sind im Bau oder sogar fertig.

Die Genese des Projekts ist lang: Der Bau des Basistunnels wurde 2004 beschlossen, 2012 vereinbarten Deutschland und Österreich die gemeinsame Planung der nördlichen Zulaufstrecke. 2016 beschloss der Bundestag, den Brenner-Nordzulauf im Bundesschienenausbaugesetz als Projekt im vordringlichen Bedarf aufzunehmen.

dpa