Wie tickt Deutschland? Nur noch 78 Prozent halten Pünktlichkeit für typisch deutsch, bei der Bahn gelten 70 Prozent schon als ambitioniertes Ziel. Erklärungsversuch eines gesellschaftlichen Wandels.
Seid pünktlich: Die Eigenschaft, Termine zuverlässig einzuhalten und damit dem Gegenüber Respekt zu zeigen, empfinden viele Menschen als wertvoll. Sie wird als Zeichen guter Erziehung gesehen. Im Klischee ist Pünktlichkeit eine deutsche Tugend, doch die Realität – etwa bei der Bahn – sowie eine neue Umfrage deuten auf einen Wandel hin. Stirbt die deutsche Pünktlichkeit aus?
Vor einem Vierteljahrhundert sagte der damalige Bahnchef, die Pünktlichkeit des Zugverkehrs liege in Deutschland um die 90 Prozent, keine Bahn in Europa komme auf diese Werte. 25 Jahre später hingegen gilt es schon als ambitioniert, wenn Bahnchefin Evelyn Palla sagt, im neuen Jahr sollten mindestens 60 Prozent der Züge im Fernverkehr pünktlich sein und bis Ende 2029 solle eine Pünktlichkeitsquote von mindestens 70 Prozent erreicht werden.
Eine aktuelle repräsentative YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur fördert zutage, dass nur noch 78 Prozent der Erwachsenen hierzulande “Pünktlichkeit” für “typisch deutsch” halten (zum Vergleich: beim Stichwort “Bürokratie” tun dies 89 Prozent). In einer ähnlichen Umfrage 2017 war der Wert für Bürokratie und Pünktlichkeit noch gleich hoch bei 90 Prozent.
Fast alle Erwachsenen in Deutschland nennen sich pünktlich
Die Pünktlichkeit in Deutschland verliert also an Strahlkraft, Ansehen oder wie auch immer man es nennen will. Dabei ist das Selbstbild der Erwachsenen in Deutschland noch recht eindeutig. Eine überwältigende Mehrheit von mehr als 90 Prozent bezeichnet sich grundsätzlich als pünktlichen Menschen.
Bei den Generationen aber tun sich Unterschiede auf. Bei den Jüngeren ist die Quote der – nach eigener Aussage – Pünktlichen geringer als bei den Älteren. So sagen bei den sogenannten Boomern (61 bis 79 Jahre alt) rund 97 Prozent, sie seien pünktliche Menschen. Rund 92 Prozent sind es in den mittleren Generationen X und Y (meint die 45- bis 60- sowie 29- bis 44-Jährigen).
Bei den jüngsten Erwachsenen (18- bis 28-Jährige) – in der sogenannten Gen Z – sind es mit rund 81 Prozent deutlich weniger. Wenn diese Generation eines Tages den Ton angibt, und sie bei dieser Selbsteinschätzung bleibt, dann gäbe es in dieser Republik wohl mehr unpünktliche Menschen – von einem Aussterben der Pünktlichkeit kann aber angesichts des Wertes keine Rede sein.
Viele meinen: Pünktlichkeit ist heute weniger verbreitet als früher
Recht einig sind sich fast alle Generationen bei der Einschätzung, “dass in Deutschland heute Pünktlichkeit weniger verbreitet ist als früher”. Alles in allem stimmen 70 Prozent dieser Aussage zu, bei den ganz Alten (80 bis 99 Jahre) sind es sogar mehr als 80 Prozent, bei der jungen Gen Z immerhin 62 Prozent.
Eine Mehrheit in allen Generationen ärgert sich “oft” oder “manchmal”, weil andere Menschen unpünktlich sind. Die Jungen sind etwas großzügiger gegenüber ihren Mitmenschen – bei ihnen sagen nur etwa 70 Prozent, sie ärgerten sich gelegentlich oder häufig bei anderen über Unpünktlichkeit. Bei der Gen Y (auch Millennials genannt) sagen dies 81 Prozent, bei der Generation X und bei den Boomern sind es jeweils um die 85 Prozent.
Psychologe: Viele überschätzen sich selbst zum Guten hin
Wie kann es aber sein, dass sich so viele über die Unpünktlichkeit anderer ärgern, wenn doch fast alle in Deutschland sagen, sie seien pünktliche Menschen?
“Es gibt in verschiedenen Bereichen diesen Optimismus wie hier den Zeitoptimismus, dass sich viele also immer leicht überschätzen und Dinge leichter nehmen und zum Guten hin überschätzen”, sagt der Neuropsychologe und Zeitforscher Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), einem Verein und Institut mit Sitz in Freiburg.
Analog sei etwa auch die Selbstüberschätzung der Autofahrkunst. “Die große Mehrheit denkt, sie fahre überdurchschnittlich, was statistisch ja gar nicht geht.” Die Mehrheit fahre mittelmäßig, was ja nichts Schlechtes sei.
“Menschen achten auf die Zeit oder sie achten mehr auf das, was um sie herum passiert”, sagt der Autor Wittmann (“Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens”). “Das ist eine Frage der Aufmerksamkeit auf die Dinge.”
Wer in einem wunderbaren Gespräch vertieft sei, könne das dadurch zerstören, indem er immer wieder auf die Uhr schaue, weil er irgendeinen Termin danach einhalten wolle. “Diese Person ist dann zwar pünktlich, aber eben nicht so präsent in dem Gespräch. Dabei ist es aber gerade schön für uns, in dem aufzugehen, was wir gerade machen, eine Art Flow zu erleben.”
Wer warten lässt, scheint dem Gegenüber etwas zu signalisieren
Wittmann erklärt, Pünktlichkeit werde beruflich und privat unterschiedlich eingeschätzt. Wir schließen aus Pünktlichkeit – nicht immer ganz bewusst – auf die Motivlagen unserer Mitmenschen. Ist ihnen etwas wichtig oder nicht?
“Jemand, der sonst eher rumwurstelt, wird bei einem ganz wichtigen Jobgespräch pünktlich sein oder es zumindest sein wollen”, sagt Wittmann. “Erwartet wird auch, dass der Angestellte beim Gespräch mit dem Chef pünktlich ist. Der Chef aber muss nicht unbedingt pünktlich sein, kann etwa noch zu Ende telefonieren. Das zeigt eine Hierarchisierung bei diesem Thema.”
Im privaten Umfeld, wenn man etwa mit einem Freund oder einer Freundin verabredet sei, und man sitze da und warte, dann habe das eine viel emotionalere Komponente. “Das kann schnell verletzend sein und das bemängeln viele an anderen Leuten, weil man sich persönlich zurückgesetzt fühlt. Man fühlt sich als ‘nicht so wichtig’ wahrgenommen.”
dpa
